🛑 ACHTUNG 🛑
Der folgende Text kann Spoiler für die Kampagne “Fluch des Strahd” enthalten. Falls du Spieler in dieser Kampagne bist, lies diesen Beitrag nicht.
Ein paar einleitende Worte
Zur Zeit leite ich zwei Dungeons & Dragons-Kampagnen. Zum einen sind es die Erweiterung zu “Dragon of Icespire Peak”, zum anderen die wohl bekannteste Kampagne “Fluch des Strahd”. Ich möchte sporadisch eine Art “Werkstattbericht” aus der Sicht des Spielleiters schreiben. Meine Gedanken aber auch Probleme bei der Vorbereitung und Leitung schildern.
Für alle, die “Fluch des Strahd” nicht kennen, versuche ich kurz die Kampagne zu umreißen. “Fluch des Strahd” ist eine Horrorkampagne. Die Hauptfigur ist der Vampir Strahd von Zarowitsch. Er ist der Herrscher über das Tal Barovia. Ein mysteriöses Reich, über welches eigentlich nur Legenden und Geschichten bekannt sind.
In meiner Kampagne sind eine Gruppe von vier Abenteurern in das Reich gelangt, da sie auf der Suche nach einer vermissten Person sind. Nicht wissend, wo sie sich wirklich aufhalten, versucht die Gruppe sich in Barovia zu orientieren, einen Ausweg zu finden und nach Möglichkeit auch die vermisste Person zu finden.
Die Kampagne ist als Sandbox gedacht. Das macht das Leiten komplex. Es gibt sehr viele Nicht-Spieler-Charaktere (NSC), die tiefe Hintergründe und komplexe Beziehungen untereinander haben. Wer mit wem befreundet oder verfeindet ist, erschließt sich oft nicht auf den ersten Blick.
Dazu gibt es diverse Orte in Barovia, die von den Spieler sofort aufgesucht werden können. Hier als Spielleiter das richtige Maß zu finden die Spieler ein wenig zu leiten und zu gleich den Spielern die Freiheit zu lassen, eigene Entscheidungen zu treffen, ist wirklich schwer.
Und die Kampagne ist äußerst tödlich für die Charaktere.
Aktueller Stand der Kampagne
Wir spielen alle vierzehn Tage für ca. 2,5 Stunden. Eine Session ist entsprechend überschaubar. Morgen findet die dreizehnte Session statt und die Spieler sind gerade an den Toren Vallakis angelangt.
Vallaki ist für mich der komplexeste Ort in der Kampagne. Es ist eine Sandbox in der Sandbox. Es gibt diverse Fraktionen, die gegeneinander arbeiten. Und es gibt verschiedene Ereignisse, die sich gegenseitig beeinflussen können. Als Spielleiter ist es hier nicht einfach, den Überblick zu behalten.
Bisher habe ich als Spielleiter recht eng vorgegeben, wohin die Gruppe gehen kann und was die nächsten Schritte sein sollten. In Vallaki wird sich das jetzt ändern. Ich lasse die Spieler jetzt alles alleine Erkunden. Sie müssen selber herausfinden, welche Geheimnisse sich in Vallaki verbergen und wie diese auch im Kampf gegen Strahd genutzt werden können. In Vallaki haben Entscheidungen echte Konsequenzen. Das wird für meine Gruppe mit Sicherheit neu sein.
Ein konkretes Beispiel. Aktuell steht die Gruppe an einem der drei Stadttore. Die Wachen haben sie passieren lassen. Es wird dunkel. Die Gruppe könnte sich also für die Nacht eine Herberge suchen. Zum Glück gibt es in Vallaki nur eine. Zugleich soll die Gruppe aber auch dem ansässigen Priester in Vallaki einen Gruß überbringen. Dieser Priester hat aktuell ein Problem, welches er dem Kleriker der Gruppe anvertrauen wird. Durch die Aufgabe könnte es also zu einem nächtlichen, investigativem Streifzug durch Vallaki kommen. Die Gruppe kann aber auch in die Herberge bzw. Taverne gehen. Dort sind andere NSCs, die mit der Gruppe interagieren werden. Der Wirt z. B. wird darum bitten, dass die Gruppe herausfinden soll, warum die Weinlieferung sich verzögert. Das würde die Gruppe wieder aus Vallaki rausführen. Oder sie interagieren stärker mit einem Fremden, der seit vier Wochen in der Taverne lebt. Er weiß etwas über die vermisste Person. Und es ist ein Fremder, der sich in Barovia aufhält. Warum ist er hier. Und dann sind da noch die zwei Söhne eines anderen wichtigen NSC. Sie sind Raufbolde. Aber dieser NSC hat Pläne mit Vallaki und Fremde könnten dabei helfen.
Und das ist nur ein kleiner Teil der komplexen Strukturen in Vallaki…
Meine Vorbereitungen
Wie bereite ich mich auf solche eine Komplexität vor? Ganz ehrlich… ich habe mich nicht konkret auf die Session vorbereitet. Jeder Plan, den ich mir überlegen könnte, ist in dem Augenblick hinfällig, wenn die Session startet. Die Gruppe wird etwas unternehmen, mit dem ich nicht gerechnet habe. Meine Vorbereitung bestehen aus diversen Notizen. Für die Leitung der Kampagne verwende ich Obsidian als Tool und habe für alle Orte, NSCs und Ereignisse Notizen angelegt. Sie sind untereinander vernetzt. Das ist dann meine Vorbereitung. Wenn die Gruppe entscheidet, einen Ort aufzusuchen, rufe ich die entsprechende Notiz auf. Dort sind dann die Notizen zu dem Ort enthalten sowie alle wichtigen NSCs und Ereignisse verlinkt. Ich habe die NSCs soweit ausgearbeitet, dass ich sie im Rollenspiel repräsentieren kann.
Und der Rest ist dann Improvisation.

Abbildung 1: Ein Teil des Notizennetzwerks
Das Buch ist keine Hilfe
Falls jemand sich jetzt fragt, warum ich bisher nicht das Buch der Kampagne erwähnt habe. Das Buch ist keine Hilfe beim Leiten einer Session. Informationen sind im gesamten Buch verstreut. Hätte ich die Kampagne nicht mehrmals vorab gelesen und mir mein Netzwerk aus Notizen angelegt, dann wäre ich verloren. Im Buch auf die Schnelle etwas zu finden, ist zumindest für mich unmöglich. Das Buch ist spannend. Es macht Spaß, das Buch zu lesen. Und das ist, meiner Meinung nach, die größte Schwäche. Das Buch versucht für den Spielleiter eher wie ein kleiner Roman zu sein. Ich brauche aber ein Arbeitsbuch. Ich muss bei jedem NSC bitte die Information stehen haben, in welchem Verhältnis dieser zu anderen steht. Es gibt einige Beispiele, da findet man wichtige Information zu einem NSC A versteckt im Fliestext in der Form von “NSC B weiß XYZ über NSC A”. Und dann wird das niemals wieder irgendwo erwähnt. Aber die Information kann sehr wichtig sein. In dem Buch habe ich diverse Stellen gefunden, wo ich auf wichtige Informationen in dieser Form gestoßen bin. Wie gesagt: das macht das Lesen natürlich spannend, weil man selber plötzlich Überraschungen erleben darf. Aber als Arbeitsbuch für einen Spielleiter ist das eine schlechte Art Informationen mitzuteilen.
Gefühl für morgen
Ich glaube, ich habe mich noch nie so schlecht auf eine Session vorbereitet gefühlt, wie morgen. Und dennoch sehe ich meine Notizen und denke, dass es klappen wird. Es ist aber für mich neu, ein Stück weit loszulassen und einfach zu beobachten und dann zu reagieren. Es ist nicht die Art, wie ich bisher geleitet habe. Bisher gab es immer einen groben Plan. Es gab Hinweise für die Spieler. Es gab Abzweigungen, die durchdacht waren. Es gab strategische NSCs, die in wichtigen Momenten dann erschienen sind. Jetzt ist es anders. Ich werde mehr loslassen und dann schauen, wohin die Reise uns gemeinsam führen wird. Und wenn die Spieler plötzlich entscheiden Vallaki wieder zu verlassen und einen anderen Ort aufzusuchen, dann wird die Session eben kürzer, da ich dann nicht darauf vorbereitet bin.
Zum Glück habe ich tolle Spieler
Mich beruhigt aber, dass die vier Spieler sehr rollenspielstark sind. Vielleicht müssen sie eh erst untereinander noch verschiedene, erhaltene Informationen besprechen und selber Pläne schmieden. Das ganze in einer Taverne… kann bei der Gruppe auch gerne viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch Interaktionen mit NSCs dauern gerne länger. Wahrscheinlich wird es also ganz entspannt für mich und ich muss nur zwei, drei NSC aktivieren und ein oder zwei Orte in Vallaki werden überhaupt besucht.
Wir entdecken gemeinsam Vallaki. So gehe ich morgen an die Session ran. Ich bin selber gespannt, wie es läuft.